Ich sah es kommen

Juni 15th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Eigentlich ist mir immer egal gewesen, was man über mich denkt oder sagt. Doch in Bezug zu bestimmten Themen bin ich in letzter Zeit empfindlicher geworden. Vermeintliche Diskussionsthemen wie Integration oder Islamismus kann ich entweder gar nicht mehr hören oder mag darüber nicht mal reden. Auch wenn es dabei nicht direkt um meine Person geht bin ich letztlich trotzdem gekränkt. Aber ist denn wirklich jede Kritik berechtigt?

Ich sitze und höre neugierig zu. Das Thema ist dieReligionsfreiheit als Verfassungsrecht. Jeder von uns ist gleich vor dem Gesetz, ganz gleich welcher Konfession, wird gerade erzählt. Nicht nur glauben oder nicht glauben dürfen wir, sondern auch die Religion wechseln. Der Staat gewährt uns also die positive und negative Religionsfreiheit und auch die Wechselfreiheit, wenn man es fachlich richtig ausdrücken will. Der deutsche Staat interessiert sich auch nicht für unseren Glauben, mischt sich nicht ein und verhängt uns auch keine Sanktionen aufgrund unseres Glaubens. (Im Privatem zumindest)

Es werden viele Beispiele und Konstellationen geschildert die von der Verfassung geschützt sind. „Der Jude kann zum Islam wechseln, wenn er will“ wird als Beispiel angeführt. Aber dann kommt die Wende. (Wie könnten wir auf das deutsche Recht stolz sein, wenn wir nicht wüssten, dass es im Vergleich zu anderen Staaten sehr viel freiheitlicher ist?) Vermutlich mit dieser Intention wird der Spieß schließlich umgedreht. Es ist früh morgens und mir wird der Tag gleich verdorben. Ich sehe es kommen.
Mit erhobener Stimme und einem „Aber […]“ beginnt der neue Satz. Mich überkommt ein ungutes Gefühl.
in den islamischen Ländern […]“ wird weiter fortgesetzt.
Obwohl ich es habe sehen kommen wird mir kalt – oder nein, mir ist warm. Ich weiß es nicht. In dem Moment bin ich überrascht und enttäuscht. Aber warum kommt die Stimmung bei mir schon voreilig herunter? Ich habe doch gar nicht zu Ende gehört. Aber geahnt. Sind doch immer dieselben Muster.

Komischerweise fühle ich mich schon wieder angegriffen. Immer wenn ich negatives über Islam usw. höre fühle ich mich stark betroffen. Es geht schließlich um meine Religion.

Wie der Satz zu Ende geht und welche Ausführungen und Beispiele folgend angehängt wurden werden sich die meisten denken können; Keine Wechselfreiheit in den islamischen Ländern und „Abfall vom Islam“ bedeutet gleich Todesstrafe usw.
Am Ende bin ich emotional gereizt. Schließlich fand alles in einem großen Raum statt mit über hundert jungen Menschen. Wie hat es die meisten wohl geprägt? Zunächst wurde schön aufgezählt, welche Rechte uns der deutsche Staat einräumt. Das auch Muslime frei sind in ihrer Religionsausübung. Aber dann der unverhältnismäßige Vergleich „aber in den islamischen Ländern[…]“ wartet auf Andersgläubige der Tod. Es ist bei den meisten sicherlich folgende Botschaft angekommen: Wir lassen die Muslime ihre Religion praktizieren aber sie bestrafen Menschen unseres Glaubens in ihren Ländern mit dem Tod. Es mag möglicherweise nicht so gemeint sein mit dem Vergleich. Aber in einer Zeit, wo Islam und Muslime an sich schon negativ ausgelegt werden, folgte auch keine differenzierte und mehrseitige Meinung. Kann man pauschal von „islamischen Ländern“ sprechen und einfach den Islam und damit eine große und vielfältige Religion als Attribut mit der Todesstrafe und Intoleranz assoziieren? Kann man natürlich auf Berufung der Meinungsfreiheit aber ich darf wohl von Menschen mit hohem Bildungsniveau erwarten mit einem Pulverfassthema sensibler umzugehen und keine ganze Religion indirekt zu verunglimpfen. Schließlich hören hunderte zu. Ich kann und darf ja auch keinem untersagen etwas zu behaupten. Bin nur enttäuscht, dass es viel zu einsichtig und verallgemeinert angesprochen wurde.

Eine andere Situation, am selben Tag. Ich bewege mich in der Uni Richtung Ausgang und will die Tür vor mir aufmachen. Ich sehe eine Frau hinter mir die sich auf dieselbe Tür zu bewegt. Ich halte ihr die Tür auf und lasse sie vor. Sie bedankt sich und sagt mir auf Englisch das sie überrascht ist darüber dass ihr die Tür aufgemacht und sie vorgelassen wird. (Gibt es das wirklich so selten?) Doch plötzlich fragt sie „Where are you from?“. Bei mir läuten alle Alarmglocken. Warum erfragt sie jetzt meine Herkunft und bringt mein Verhalten damit in Verbindung? Menschen mit Migrationshintergrund sind traumatisiert wegen dieser Frage. Die Frage nach der Herkunft signalisiert meistens, dass du jemand Fremdes und nicht dazugehörig bist. Man will wissen woher du kommst und steckt dich dann gleich in eine Schublade. Du hast keine gute Chance mehr dich selbst als Individuum vorzustellen, weil du dann gleich „der Türke“ oder „der Russe“ etc. bist.

Reflexartig antwortete ich also auf die Frage „Where are you from?“ mit „from Germany“. Fast so, als wäre es selbstverständlich. (Ist es das denn nicht?)

Moment mal. Warum habe ich auf diese Frage herkömmlich reagiert obwohl sie in diesem Fall nicht negativ belastet war? Eigentlich hat sie mir diese Frage nicht wie üblich gestellt, weil sie mir was Schlechtes anlasten wollte, sondern weil mein Verhalten für sie nicht typisch deutsch war (?). Ihr begegne man nicht oft so freundlich und hielte ihr die nicht Tür auf. Warum auch immer. Am Ende sprach sie lobend über meine Eltern und unsere Wege trennten sich wieder.

Es mag sein, dass meine Befürchtungen zu weit hergeholt sind. Aber ich glaube, dass diese bei unserer Debattenkultur um Islam und Muslime berechtigt sind. Schließlich hat die vermeintliche Islamkritik, die vermeintlich gescheiterte Integration und die Aufdrängung der vermeintlich deutschen Leitkultur viele Muslime in eine permanente Defensive bezwungen. Viele können das Gerede über Islam und Integration gar nicht mehr hören. Umso empfindlicher und betroffener reagieren sie aber wenn Menschen mit einem hohen Bildungsgrad undifferenzierte Vergleiche ziehen.

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